Wieso Türkengilde?
Die Geschichte unserer Gilde beginnt zu einer Zeit, da Kappeln nur ein kleiner Fleck auf der Landkarte war. Diese kleinen Dörfer und mehr war Kappeln noch nicht, nannte man daher auch Flecken. Flecken waren ländliche Mittelpunktsdörfer, die für das Umland zentrale Funktionen wahrgenommen haben und dafür einen Teil der Privilegien einer Stadt erhielten. So war es das Vorrecht eines Fleckens einen Markt abzuhalten, was sonst nur den Städten vorbehalten war. Als letzter Flecken wurde Arnis im Jahre 1934 zur Stadt erhoben. Seit jenem Jahr gibt es keine „Flecken“ mehr in Schleswig-Holstein.
Geschichtlich gesehen ist Kappeln stark mit dem Gut Roest verbunden, das sich westlich der heutigen Stadt Kappeln befindet. Auf der rechten Seite kurz hinter Fegetasch durch ein paar große Bäume verborgen, an der B 201 Richtung Süderbrarup bzw. Schleswig.
In Schleswig residierten im Jahre 1357 zwei Bischöfe gleichzeitig. Der vom Kapitel gewählte Nikolaus Bruns sowie der von dem in Avignon residierenden Papst Clemens VI. eingesetzte Theodor von Minden. Die Ernennung Theodor von Mindens war aber nur irrtümlich erfolgt, da der Papst nichts von der Schleswiger Wahl wußte. Dies ausnutzend hatte der auf Roest ansässige holsteinische Adelige Ritter Otto Lembek sich widerrechtlich zwei zur Kapelle gehörende Landgrundstücke angeeignet. Auf höchsten Erlass musste Ritter Lembek die Ländereien dem Priester zu Kappeln wieder zurückgeben. Ob das zur Kapelle gehörende Land damals schon dem Domkapitel in Schleswig unterstand, gilt als nicht sicher.
Ca. 1406 wurden dann von der Familie Sehstedt die Ländereien Kappeln an Königin Margarethe von Dänemark veräußert. Die jedoch hat nun ihr Patronat über Kirche und Ort an das Schleswiger Domkapitel verschenkt. Die Kappler hatten seitdem nur die kirchlichen Abgaben an ihren Patronatsherren den Dombaumeister zu Schleswig zu entrichten. Steuern an den Landesherrn brauchten sie ebenso wenig bezahlen, wie Arbeitseinsatz zu leisten. Das war für die damalige Zeit recht ungewöhnlich!
Dieses lustige Leben änderte sich 1533 recht schlagartig. Als die Reformation ins Land kam, verkaufte der Domherr Hinrich Pogwisch, der schon zuvor 1528 Kirchherr von Kappeln war, den Flecken Kappeln an Henneke Rumohr Gutsherr auf Roest für eine "jährliche ewige Rente", also eine Leibrente, von 30 Mark lübsch (das entspricht einer Kaufkraft von ca. 1.050,- € ). Wenn auch der damalige Bischof Gottschalk von Ahlefeld den Verkauf bestätigte, so war dieser Besitz-wechsel doch widerrechtlich, da das Kirchenland dem Domkapitel gehörte und es dem Domherrn nur zur Nutzung überließ.
Mit dem Patronat über die Kirche hatten die "von Rumohr" seinerzeit auch die Gerichtsbarkeit und Herrschaft über Kappeln an sich gerissen. Es wurde, wie es in der Chronik heißt, den Kapplern schwer, die goldene Freiheit, die sie unter dem Domkapitel genossen hatten, mit der Sklaverei unter den Edelleuten (erst Henneke, dann Asmus) einzutauschen. Diese waren es nur gewohnt, mit Fröhnern und Leibeigenen umzugehen. Sie wurden im wahrsten Sinne des Wortes geknechtet und vermochten sich nicht vor der Despotie und der Gewalt ihrer Herren zu schützen.
War auch der Nachfolger Kay von Rumohr menschenfreundlicher und humaner, so trat ihnen wieder in Hinrich von Rumohr ein rücksichtsloser, grausamer Despot entgegen. Er verlangte von den Kappler Bürgern den "Homagial-Eid" (Unter-taneneid). Als sie sich weigerten, wurden sie ins Gefängnis geworfen. Auf einen daraufhin von seinen Gegnern angestrengten Prozeß kam es zum Vergleich und die Regierung entschied, dass keine Neuerungen eingeführt werden dürften. 20 Jahre später versuchte er in Form eines schriftlichen Revers erneut, den Kappler Bürgern den Untertaneneid aufzuzwingen. Dieser Revers, 1651 verfasst, wurde jedoch von den Einwohnern hartnäckig abgelehnt. 1666 übernahm Detlef von Rumohr die Verwaltung seiner väterlichen Güter und verlangte in scharfer Form wieder den "Homagial-Eid".
Dies war um so wunderlicher, da kurz zuvor unsere Gildegeschichte einsetzt. Detlef von Rumohr war, wie es seinem Stande gebührte, als Söldner in fremden Diensten. Dies war durchaus üblich um den jungen Adeligen zum einen etwas von der Welt zu zeigen und auch um sie auf das Führen von Menschen vorzubereiten, damit sie sich später durchzusetzen wissen. Vom Vater mit ausreichend Geld versehen sollten sie auf einer meist mehrjährigen Europa- oder Weltreise Fremdsprachen und höfisches Verhalten lernen, Kontakte knüpfen und sich natürlich kräftig die Hörner abstoßen. Dass aber solche Abenteuer an der harten Realität scheitern konnten, zeigt das Schicksal der "sechshundert Narren" beim Kampf um Candia.
Die Venetianer beherrschten Kreta und seine Hautpstadt Iraklion, die sie Candia nannten. Der osmanische Sultan Ibrahim I. landete am 24.6.1645 mit 100.000 Mann auf Kreta, um die venezianische Kolonie zu erobern. 1648 nach drei Jahren mit kleineren Gefechten standen die Türken vor Candia und begannen mit der Belagerung.
Die Venezianer blockierten daraufhin die Dardanellen. Die Dardanellen sind eine Meerenge in der Türkei. Sie liegen zwischen der europäischen Halbinsel Gallipoli und dem zu Kleinasien gehörigen Nordwest-Anatolien. Durch die Belagerung dieser Meerenge kam es in Konstantinopel zu Aufständen wegen der prekären Versorgungslage.
Venedig sandte Truppen zur Verstärkung nach Candia, darunter auch über 30.000 Söldner aus Hannover, Braunschweig und Celle. Die (Gilde-)Geschichte besagt, das Detlef von Rumohr ebenfalls unter Venezianischer Flagge gegen die Türken zur See in den Krieg zog.
Die osmanische Flotte erlitt 1651 bei Naxos und 1656 vor den Dardanellen schwere Niederlagen. Aber in einer Schlacht am 21. Juni im Jahre des Herrn 1665 wurde der Kappelner Lehnsherr gefangen genommen. Die Schlacht ging als eine der ganz großen in die Geschichte Venedigs ein, denn trotz einer deutlichen Übermacht der Türken gelang es den Venezianen den Osmanen schwere Verluste zuzufügen und die Schlacht für sich zu entscheiden.
Nach Ende der Schlacht wurde eine Lösegeldforderung für die Freilassung von Detlef von Rumohr an die Venezianer überbracht. Dies war damals durchaus üblich. Der Preis wurde für jede Person individuell "berechnet" im Hinblick darauf, was die Gegenseite wohl bezahlen kann. So wurde abgewogen, ob der Gefangene als Sklave etwas einbringt, oder ob man einen stattlichen Preis von seinen Verwanden bekommen könnte.
Bei Detlef von Rumohr ging man wohl davon aus, das dieser Ritter aus dem hohen Norden einen stattlichen Preis bringen wird, denn er wurde nicht gleich auf dem Sklavenmarkt veräußert. Die Lösegeldforderung wurde nun von den Türken an Venedig und von dort an die Familie auf Gut Roest weitergegeben und hier musste gehandelt werden.
Alle Kappler mussten Geld beisteuern, die Türkensteuer kennt man auch aus anderen Städten. Dadurch beteiligten sich die Kappelner an den Kosten für die Freilassung ihres zukünftigen Lehnsherren. Doch nicht nur Geld wurde von Ihnen erwartet, sie sollten die Männer stellen, die den Lehnsherrn auslösten. Nur wen konnte man dazu nehmen?
Zum Ersten war die Reise sehr anstrengend von Schleswig-Holstein nach Kreta wo die Schlacht tobte. Zum Anderen war gar nicht gewiss, ob sich die Türken an ihr Wort hielten. Wie leicht hätten sie das Lösegeld und die Überbringer behalten können?! Das wäre ein feiner Streich, den Lehnsherrn, die Überbringer und das Geld einzustecken. Man hätte die Männer umbringen können oder nun mehr als einen Sklaven verkaufen können. Deshalb entschied man sich in Kappeln junge Männer auf die Reise zu schicken. Zwar wusste man von dem Nachteil, dass sie weniger Erfahrung hatten als die älteren Schiffer, aber der Vorteil das keine Familie versorgt werden musste, sollten sie nie wieder Ihre Heimatstadt sehen, war um so größer.
Nachdem das Geld nun beisammen war, wurden zwei junge Schiffergesellen ausgewählt, die zwar schon 18 Jahre alt waren, aber noch nicht 21 Jahre. Diesen wurde das Lösegeld ausgehändigt und sie wurden gen Venedig gesandt um den Lehnsherrn auszulösen...
Nachdem alle drei wieder glücklich in Kappeln angekommen waren, erlaubte Detlef von Rumohr eine Gilde zu gründen. Dies sollte als Dank für die jungen Kappelner Schiffer geschehen, die ihn aus der türkischen Gefangenschaft befreiten. Allerdings gab es ein paar Einschränkungen, die die Mitgliedschaft betraf.
So mussten die neuen Gildemitglieder, wie zuvor bei der Auswahl der Schiffer,
- in Kappeln geboren sein.
- unbescholten sein (nicht vorbestraft).
- mindestens 18 Jahre alt sein.
- nicht verheiratet sein.
Diese Gilde nannte sich fortan die Junge-Leute-Gilde zu Kappeln. Aus der Geschichte heraus, nannten und nennen die Kappler diese Gilde aber Türkengilde.
Dort stehen noch Zeitungsartikel und Berichte älterer Gildebrüder, die sehr lesenswert sind.