Anfang Februar feiert die Junge-Leute-Gilde Kappeln ihre traditionelle „Türkenmaskerade“. Aus diesem Anlaß wird ein Aufsatz interessieren, der den Verlauf der zuletzt im Jahre 1904 gefeierten „Türkengilde“ schildert. Der Aufsatz war am 1. März 1912 im „Niedersachsen“ in Bremen erschienen. Verfasser ist W. Thomsen
Ein altes Volksfest
Die „Türkengilde“ in Kappeln an der Schlei
In unseren Tagen, wo bereits so viel aus den Zeiten unserer Vorfahren dem nivellierenden Zahn der Zeit zum Opfer gefallen ist, beginnt man wieder seine Blicke rückwärts in die Vergangenheit zu richten. Sitten und Gebräuche, alltägliches Leben und Feste werden mit liebevollem Interesse entweder aus den alten Urkunden hervorgeholt, oder, wo solche sich noch in die Gegenwart hinübergerettet haben, zu erhalten gesucht.
Da dürfte es dann nicht unangebracht sein, die Aufmerksamkeit auf ein ganz altes Fest, das noch heute in gleicher Weise wie bei seiner Gründung gefeiert wird zu lenken.
An der Grenzmark des Deutschen reiches, wo, wie Joh. Heinr. Voß schreibt: „Der dänische Pflüger den deutschen, dieser den Dänen versteht, im gesegneten Erbe der Angeln“, liegt an den lieblichen Ufern der Schlei das Städtchen Kappeln mit seinen 3000 Einwohnern. In früheren Jahrhunderten war der Ort dem Rittergute Roest zugehörig, ohne das indessen die Einwohner leibeigen waren. Roest, jetzt dem Herzog Friedrich Ferdinand von Schleswig-Holsein-Glücksburg gehörig, war fast 400 Jahre im Besitze der altadeligen Familie von Rumohr. Einer dieser Ritter, Detlef von Rumohr, war ein streitbarer Held, der verschiedensten Herrschern diente und 1678 als dänischer General bei der Verteidigung der Insel Rügen gegen die Schweden fiel. In seinen jüngeren Jahren hatte er bei der Republik Venedig Kriegsdienste genommen und kämpfte gegen die Türken. Bei der Verteidigung der Ionischen Inseln leitete er die von Korfu, wo er in türkischer Gefangenschaft geriet, aus der ihn erst der Friedensschluß wieder befreite.
Zur Feier seiner glücklichen Heimkehr in die Heimat ward von den Eingesessenen ein großes Fest veranstaltet, das seine Rückkehr in die Heimat aus türkischer Gefangenschaft darstellen sollte. Dieses Fest nun, das sich bis in die Gegenwart erhalten hat, ist eben die „Türkengilde“. Die älteste Urkunde, welche noch erhalten ist und sich im Archiv der Gildenverbrüderung befindet, stammt aus dem Jahr 1722 und enthält die Statuten. Es wird in derselben geäußert, dass es an der Zeit sei, der Verbrüderung endlich durch diese Statuten eine feste Basis zu geben. Angenommen darf wohl werden, daß sie bereits gegen 60 Jahre bestanden habe, da, wie vorher erwähnt, Detlef v. Rumohr bereits 1678 auf Rügen gefallen war.
Das Fest wird, mit ganz unbedeutenden Aenderungen, noch ebenso wie bei seiner ersten Feier abgehalten. Der ihm zugrunde liegende Gedanke lässt sich unschwer erkennen. Es ist nicht nur die Freude über die Rückkehr des Patronatsherrn, sondern auch der Triumph des Christentums über den Mohammedanismus. Daher stammen auch die verschiedenen orientalischen Reminiszenzen, von denen es durchwoben ist.
Der Familie v. Rumohr scheint es lieb gewesen zu sein, das Andenken an ihr berühmtes Mitglied zu erhalten und sie hat der Gildebrüderschaft, die dieses durch ihr Fest betätigt, ihr Wohlwollen durch Verleihung einer seidenen Fahne mit der Jahreszahl 1724 bewiesen.
Alljährlich, am Tage nach Weihnachten, hat die Brüderschaft unter dem Vorsitz der Aeltermänner eine Zusammenkunft. In dieser werden neue Mitglieder aufgenommen, innere Angelegenheiten beraten und besonders darüber ein Beschluß herbeigeführt, ob und wann das Gildefest wieder abgehalten werden soll. Ein Zwischenraum von fünf Jahren soll mindestens zwischen zwei Festen liegen, indessen wird dieser meistens weit überschritten, da die Kosten der Teilnehmer für die Kostüme sehr erheblich sind, auch die Einübung der verschiedenen Tänze und sonstigen Darstellungen einen großen Aufwand an Zeit erfordern. Die Teilnehmer dürfen nur Unverheiratete sein, weshalb die Gilde auch bisweilen „die Junge-Leute-Gilde“ genannt wird. Mitglieder sind indessen außer kaum Erwachsenen auch ältere Personen, dies aber von den Aufführungen ausgeschlossen. An den Festbällen dürfen von den Verheirateten nur diejenigen mit ihren Frauen teilnehmen, die das letzte Gildefest als Unverheiratete mitgemacht haben.
Wenn nun in der Zusammenkunft, am Tage nach Weihnachten, beschlossen worden ist, im kommenden Jahre das Fest zu veranstalten, so werden sofort die feststehenden Rollen unter den Gildebrüdern verteilt, wobei darauf besonders Rücksicht genommen wird, dass die einzelnen Personen sich auch für Ihre Rollen eignen. Dieses ist besonders für die Damenrollen, welche ebenfalls nur von jungen Männern dargestellt werden, wichtig.
Trotzdem die einzelnen Charaktere genau vorgeschrieben sind und bei jeder Feier sich unverändert wiederholen, so büßen sie dennoch nicht von ihrem Reize ein, zumal ein größerer Zeitraum seit dem letzten Feste verstrichen ist. Die Originalität und der alte Zauber wirken stets aufs neue auf die Zuschauer, die aus der ganzen Provinz von nah und fern herbeiströmen.
Eine solche Beschlußfassung wird durch Böllerschüsse verkündet, und am späten Abend ziehen die Gildebrüder unter Musikbegleitung durch die Straßen des Städtchens.
Dann, in den folgenden Tagen, findet bis zu dem Zeitpunkte des Festes täglich die Einstudierung der Rollen und Tänze statt, von denen manche große Gewandtheit erfordern. Nach etwa vier Wochen nimmt das Fest seinen Anfang.
An einem Sonnabend, mittags um 12 Uhr, wird der Zeitbeginn durch Böllerschüsse angezeigt. Die Gildebrüder haben sich inzwischen in dem am Strande befindlichem „Gildehause“ versammelt. Vor diesem liegt auf dem Schleistrom ein reich mit Flaggen aller Nationen und grünen Girlanden geschmücktes Schiff, von dem eine lange Girlande nach dem Gildehause hinführt und in der Mitte, von Fähnchen umgeben, einen hängenden Türken zeigt. Abends findet zur Eröffnung ein Kommerz statt, an dem auch Nichtmitglieder sich beteiligen können. Am Sonntag besucht die Gildebrüderschaft satzungsgemäß vormittags die Kirche. Nachmittags wird unter Musikbegleitung und fliegender Fahne durch die Stadt gezogen. Die Preise welche die Schützen bei dem Preisschießen winken, werden von kostümierten Knaben in der Mitte des Zuges getragen. Diese Knaben erscheinen später im Gefolge des Grafen und der Gräfin als Pagen wieder.
Am Montage versammeln die Gildebrüder sich wieder in dem Festhause, und zwar mit jungen Mädchen der Stadt, zum Kranzbinden, um die Festhalle auszuschmücken. Auch der bisher an der Girlande befindliche Türke, nach dem am folgenden Tage geschossen werden soll, wird von den jungen Mädchen mit Kränzen umwunden. Eingeladen werden nur junge Mädchen von tadellosem Ruf, wie dieser auch von den Gildebrüdern verlangt wird. Am Dienstag wird auf freiem Felde nach dem Türken geschossen und erhält derjenige den Königsgewinn, welcher das Herz des Türken getroffen hat. Um bei der immerhin etwas kühlen Temperatur die erforderliche Wärme nicht vermissen zu lassen, ist ein Restaurationszelt aufgeschlagen, das die nötige Feuerung für innerliches Einheizen bietet. Am Dienstag- und Mittwochabend kommen die jungen Mädchen im Gildehaus zusammen, wo sie in ein besonderes Gemach geführt werden, das einen Harem vorstellen soll. In früheren Jahren hatte jedes junge Mädchen eine eigene für sich abgestellte Box, vermutlich um ihnen während der zwei Tage freiwilliger Gefangenschaft etwas mehr Unterhaltung zu bieten. Doch ist diese Einrichtung jetzt verschwunden. Vor diesem Gemache, „Jungfernkammer“ genannt, halten zwei kostümierte Seeleute mit gezogenen Schwertern Wache. An diesen Abenden dürfen die unverheirateten Gildebrüder vor Mitternacht nicht tanzen, sondern nur die als Gäste anwesenden verheirateten Männer. Lassen diese sich nun gelüsten das Paradies zu betreten, um eine der dort befindlichen Odalisken zum Tanze aufzufordern, odergar mit ihnen zu schäkern, wenn diese ihnen volle Weingläser kredenzen, so werden die Eindringlinge von den grimmigen Wächtern verhaftet und erhalten nur gegen Zahlung eines Lösegeldes die Freiheit und Erlaubnis zum Tanze. Wer sich aber ungebührlich lange in der Jungfern- kammer
aufhält, oder das Lösegeld nicht gutwillig bezahlen will, wird einem der Aelterleute, der sich in Offiziersuniform befindet und die Ordnung aufrecht erhält, zugeführt. Dieser belegt solche Widerspenstige mit Strafen, die häufig einen ziemlich hohen Betrag ausmachen, der mit zur Deckung der allgemeinen Unkosten verwendet wird. Verheiratete Frauen dürfen sich an der ganzen Feier nicht beteiligen. Nur auf dem Schlußball dürfen diese Frauen, deren Männer das letzte Fest mitgemacht haben, die sich also erst nach dem letztmaligen Stattfinden des Festes verheiratet haben, sowie die Eltern der mitwirkenden Knaben erscheinen.
Am Mittwoch geht der Fahnenträger durch die Stadt und schwenkt vor dem Hause jedes Mitglieds und denjenigen angesehener Einwohner, welchen dadurch besondere Ehre erwiesen wird, die Fahne. Dieses Fahnenschwenken ist höchst eigentümlich und erfordert große Gewandtheit und Uebung. In graziösem Tanzschritt wird die Fahne erst um den Körper, dann um das eine Bein, dann um den Kopf geschwungen und hierauf hoch in die Luft geworfen. Der Fahnenträger muß aber den Schaft stets kunstgerecht am unteren Ende wieder ergreifen, so daß die Fahne ja nicht auf die Erde fällt. Unseres Wissens ist dieser Fahnentanz, wie man ihn wohl nennen darf, nur noch in Krempe, einer kleinen Stadt in Holstein, bei dem Schützenfeste seit alter Zeit in Gebrauch.
Der Haupttag und die Krone des ganzes Festes ist der Donnerstag. Mit der Bahn, mit Schiffen, mit Wagen, mit Rädern strömen aus nah und fern schaulustige Gäste herbei, die Straßen mit ungewohntem Leben und Treiben füllend. In allen besseren Bürgerhäusern ist den ganzen Tag offenes Haus und reich gedeckter Tisch zu finden. Bereits am Vormittag sieht man einzelne Gildebrüder in ihren prächtigen Kostümen auf den Straßen, besonders aber die komischen Figuren des Juden, Pierrot, Hanswursten und des Läufers. Letztere machen sich an die ländlichen Gäste und suchen besonders Frauen und Mädchen zu necken.
Pünktlich um 12 Uhr mittags setzt sich der Festzug vom Gildehaus in Bewegung und durchzieht unter den Klängen der Musikkapelle die Straßen. Eröffnet wird der Zug durch einen mit einem Heroldsstabe versehenen Läufer, der ein reizendes weiß-blaues Gewand mit Silber und Seidenbändern verziert, sowie einen Turban in gleichen Farben trägt. Neben dem Zuge schreiten, Ordnung haltend, die Aelterleute in Offiziersuni- form. Hanswurst, Pierrot und Jude laufen ebenfalls neben dem Zuge her, mischen sich unter das Publikum, mit diesem ihre Scherze treibend. An der Spitze des Zuges befindet sich der bekränzte „Türke“, der von einem älteren Manne, in der Tracht eines Priesters aus alter Zeit und mit einem Dreimaster auf dem Kopfe, auf einem niedrigen Wagen gezogen wird. In einigem Abstande sieht man Graf und Gräfin in kostbaren seidenen Gewändern. Diese sollen den Stifter der Gilde darstellen. Umgeben ist dieses Paar von Pagen, unter denen sich einige Negerknaben befinden. Diese Pagen sind blau weiß und rot kostümiert. Hinter ihnen als Leibgarde, gehen vier stattliche Seesoldaten mit gezogenen Säbeln, denen der Fahnenträger folgt. Dann reihen sich die übrigen Gruppen, sehr hübsch kostümiert, aber nicht maskiert, Tiroler, Spanier, Italiener, in den Landestrachten an. Die ansprechendste Gruppe ist das nordische Brautpaar. Hierfür werden die schönsten jungen Leute ausgewählt, die in Ihren reichgestickten blau und weißen Kleidern besonders auffallen. Wir gewahren ferner den berühmten Wunderdoktor Theophrastus Bombastus in einem scharlachroten Frack und mit seinen ärztlichen Attributen versehen. Er führt seine Frau Angelika am Arme. Neben ihnen schreitet sein Famulus Monsieur Christian, der sich bemüht, seiner Prinzipalin den Hof zu machen. Diese Partien sind, was ihre Ausführung betrifft, nicht leicht, da die von ihnen aufzuführenden Tänze sehr kunstvoll sind und der Doktor auch mehrere lange Reden, die er zuweilen improvisieren muß, zu halten hat.
Die vier Jahreszeiten erscheinen paarweise und zwar je mit einer Genossin, von der man anderswo keine Kunde hat, aber des Spruches gedenkend: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“, werden wohl die Stifter der Gilde zu dem Entschlusse gekommen sein, auch den Jahreszeiten Gefährtinnen beizugesellen. Schließlich folgen noch Gärtner und Schäfer mit ihren Mädchen.
Nach dem Rundgang durch die Stadt tritt eine kurze Pause ein. Dann werden die Familien aufgesucht, welche eingeladen haben, und in deren Häusern werden alsdann die Pantomimen und Tänze ausgeführt. Das Erscheinen wird durch den Läufer angezeigt, und Matrosen halten vor jedem Hause Wache, sobald die Gesellschaft dieses Betreten hat.
Jede Gruppe hat ihre besonderen Tänze. Graf und Gräfin und der Doktor mit seiner Angelika tanzen ein Menuett. Schäfer und Schäferin sowie die Jahreszeiten begleiten ihren Tanz mit einem alten Liede. Die Matrosen führen einen Schwerttanz auf. Der pas de deux des nordischen Brautpaares ist wundervoll und ist vielleicht die Erinnerung an den berühmten, altnordische Halligtanz.
Der letzte Tag des Festes, der Narrentag, oder auch Lumpengilde genannt, ist eine Art übermütiger Karneval. In den fürchterlichsten Kostümen als Bettler, Zigeuner, Landstreicher durchziehen die Gildebrüder die Stadt, manchen Unsinn verübend, der aber immer harmlos bleibt. Mit diesem Tage ist das eigentliche Fest beendet, der darauffolgende Sonntag ist Ruhetag. Nach der anstrengenden Woche ist dieser sehr wohl angebracht.
Am Montag und Dienstag fahren eine Anzahl jüngerer Gildebrüder in Begleitung des Juden und des Narren auf die umliegenden Dörfer zu den Bauern, von denen sie reich mit Würsten, Schinken und Eiern beschenkt Heimkehren.
Im Laufe der Woche findet dann noch der Schlußball für die Gildebrüder mit ihren Damen statt und damit ist dieses eigenartige Volksfest beendet.
Das Alltagsleben tritt wieder in seine Rechte und die Erinnerung vergangener Jahrhundert, die in der Türkengilde wieder lebendig geworden war, sinkt in Schlaf, bis nach einigen Jahren sie wieder geweckt und ihr neues Leben eingehaucht wird, um wiederum die Nachkommen der Väter zu erfreuen.
Eine kleine Einleitung das Schlei Boten zeigte, das dieser Artikel nicht neu geschrieben war.